AFD Wachstum



Vom Symbol des Aufstiegs zum Symbol der Ausgrenzung


Kaum etwas zeigt den gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahrzehnte so anschaulich wie das Auto. Um 1960 war ein Mercedes zwar bereits ein Statussymbol, aber das Auto selbst wurde für immer größere Teile der Bevölkerung zum Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs. Wer sich ein Auto leisten konnte, konnte arbeiten, einkaufen, in den Urlaub fahren und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Mobilität bedeutete Freiheit – und für viele Familien war das eigene Auto ein sichtbares Zeichen dafür, dass es ihnen besser ging als der Generation zuvor.

Heute hat sich dieses Verhältnis verändert. Autos sind technisch sicherer, leistungsfähiger und komfortabler geworden, aber sie sind auch enorm teuer. Der durchschnittliche Preis, den private Käufer in Deutschland 2025 für einen Neuwagen bezahlten, lag bei rund 44.560 Euro. Damit wird das Auto für viele Menschen nicht mehr selbstverständlich aus dem laufenden Einkommen bezahlt, sondern über Finanzierung, Leasing oder den Kauf eines älteren Gebrauchtwagens. Selbst Gebrauchtwagen kosteten 2025 im Durchschnitt noch rund 18.310 Euro.

Das Problem ist dabei nicht nur der Preis des Autos. Es geht um das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können.

Wenn eine Familie früher mit einem normalen Einkommen einen Mercedes oder ein anderes neues Auto kaufen konnte, während ein vergleichbares neues Fahrzeug heute einen erheblichen Teil des Jahreseinkommens verschlingt, verändert sich auch das Gefühl von Wohlstand. Wer heute auf ein Auto angewiesen ist, aber sich ein neues Fahrzeug kaum leisten kann, erlebt möglicherweise nicht technischen Fortschritt, sondern vor allem steigende Kosten und weniger Handlungsspielraum.

Genau hier kann gesellschaftliche Spaltung entstehen. Die einen erleben die Veränderungen als Fortschritt: Elektroautos, Digitalisierung, Assistenzsysteme, Klimaschutz und neue Mobilitätskonzepte. Andere erleben dieselben Veränderungen als Verlust: höhere Preise, kompliziertere Technik, weniger bezahlbare Fahrzeuge und das Gefühl, dass Entscheidungen über Mobilität von Menschen getroffen werden, die ihre eigene Lebenssituation nicht verstehen.

Das Auto wird dadurch mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es wird zum politischen Symbol.

Und genau darin liegt die Gefahr. Wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass etwas, das früher selbstverständlich war, für sie unbezahlbar wird, entsteht leicht der Eindruck eines gesellschaftlichen Abstiegs. Dieses Gefühl kann politisch instrumentalisiert werden. Parteien können dann nicht nur über konkrete Autopreise sprechen, sondern ein viel größeres Versprechen verkaufen: Wir holen euch etwas zurück, was euch genommen wurde.

Die aktuellen Wahlergebnisse zeigen, dass solche Gefühle nicht einfach ignoriert werden können. In Leipzig erreichte die AfD bei der Bundestagswahl 2025 im Wahlkreis Leipzig I 25 Prozent der Erststimmen. Bei der Europawahl 2024 kam sie in der Stadt Leipzig auf 18,1 Prozent. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass diese Stimmen wegen der Autopreise abgegeben wurden. Wahlen haben immer viele Ursachen: Einkommen, Wohnkosten, Migration, Vertrauen in Politik, Zukunftsängste, regionale Unterschiede und persönliche Erfahrungen spielen zusammen.

Aber gerade deshalb sollte man den Blick auf scheinbar alltägliche Dinge richten. Ein Auto ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich wirtschaftliche Veränderungen im Alltag anfühlen.

1960 konnte ein Auto für viele Menschen ein Versprechen sein: Es geht aufwärts.

2026 kann dasselbe Produkt bei manchen Menschen ein anderes Gefühl auslösen: Ich kann mir das nicht mehr leisten – und andere bestimmen trotzdem, wie ich leben soll.

Wenn aus diesem Gefühl dauerhaft Frust, Abwertung und das Empfinden entsteht, von der Gesellschaft abgehängt worden zu sein, wird es politisch gefährlich. Denn Demokratie lebt nicht nur von vernünftigen Argumenten, sondern auch vom Vertrauen der Menschen, dass ihre Lebenswirklichkeit gesehen und ernst genommen wird.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Autos früher oder heute besser sind. Die entscheidende Frage lautet: Für wen ist gesellschaftlicher Fortschritt tatsächlich noch bezahlbar?




Nicht das Brot ist das Problem – die Fixkosten sind es


Wenn man 1960 mit 2026 vergleicht, wird etwas Interessantes sichtbar: Lebensmittel sind gemessen am Einkommen für viele Menschen heute sogar erschwinglicher als früher. Das eigentliche Problem liegt zunehmend bei den Fixkosten.

1960 waren Wohnen und Mobilität im Verhältnis zum Einkommen anders gewichtet. Die Ausgaben für Verkehr machten 1962/63 gut 7 % der Konsumausgaben aus. 2021 waren es bereits 12 %. Heute kommt hinzu, dass Wohnen für viele Haushalte einen erheblichen Teil des verfügbaren Einkommens bindet. 2025 lebten in Deutschland 11,2 % der Bevölkerung in Haushalten, die mehr als 40 % ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten ausgaben.

Das verändert das Gefühl von Wohlstand.

1960: Essen war vergleichsweise teuer – aber wer arbeitete, konnte mit seinem Einkommen Schritt für Schritt Eigentum, Auto und einen gewissen Lebensstandard aufbauen.

2026: Viele Lebensmittel sind relativ günstig, aber Miete, Energie, Auto, Versicherungen und andere feste Ausgaben kommen jeden Monat zuerst. Was danach vom Gehalt übrig bleibt, entscheidet darüber, ob man sich tatsächlich etwas leisten kann.

Darum reicht es nicht, nur zu fragen: „Was kostet heute ein Brot?“

Die wichtigere Frage lautet:

„Wie viel meines Einkommens ist bereits ausgegeben, bevor ich überhaupt anfangen kann zu leben?“

Genau an diesem Punkt kann aus wirtschaftlichem Druck gesellschaftlicher Frust werden.





Was kostete das Auto damals – und was kostet es heute?


Nehmen wir einen normalen Pkw und betrachten nicht den Benzinpreis, sondern nur die Kosten rund ums Auto.

Um 1960: Eine Kfz-Haftpflichtversicherung lag für ein stärkeres Fahrzeug in der Größenordnung von etwa 200–250 DM pro Jahr. Dazu kamen Kfz-Steuer, Wartung, Reparaturen und Reifen. Für Reparaturen wurden damals teilweise nur wenige D-Mark pro 100 Kilometer angesetzt.

Heute: Für einen normalen Pkw kommen dagegen schnell über 1.000 € Versicherung, mehrere hundert Euro Steuer, Werkstatt- und Inspektionskosten, Reifen, TÜV und weitere laufende Kosten zusammen. Der ADAC rechnet bei seinen aktuellen Fahrzeugkosten ausdrücklich mit Wertverlust, Betriebskosten, Fixkosten und Werkstattkosten.

Der entscheidende Vergleich ist deshalb nicht nur der Preis in Mark oder Euro, sondern der Anteil am Einkommen.

1960 lag ein Jahresverdienst bei ungefähr 6.100 DM. Eine Haftpflicht von beispielsweise 226 DM entsprach damit rund 3,7 % eines Jahresverdienstes.

Nimmt man heute beispielhaft 36.000 € Jahresbrutto, können allein 1.000 € Versicherung bereits rund 2,8 % des Jahresbruttos ausmachen – dazu kommen Steuer, Werkstatt, Reifen und weitere Kosten.

Das Auto ist damit nicht einfach nur teurer geworden. Die Kosten haben sich verändert und sind komplexer geworden.

1960: Steuer + Versicherung + Wartung + Reparaturen.

2026: Steuer + Versicherung + Wartung + Reparaturen + Reifen + TÜV + Elektronik + Assistenzsysteme + Wertverlust + Finanzierung bzw. Leasing.

Und genau deshalb sollte man fragen: Wie viel vom Einkommen muss ein normaler Arbeitnehmer heute allein dafür aufbringen, ein Auto überhaupt auf der Straße zu halten?






Ein Haus – damals und heute


Wie schwer war es für einen normalen Arbeitnehmer, sich ein eigenes Haus zu leisten?

1960 lagen die reinen Baukosten in Westdeutschland bei etwa 197 DM pro Quadratmeter. Ein Haus mit 120 m² kostete damit rund 23.640 DM – ohne Grundstück. Bei einem Jahresverdienst von ungefähr 6.100 DM entsprach das knapp 3,9 Jahresverdiensten.

Heute kostet ein 120-m²-Haus bei einem angenommenen Preis von rund 2.844 € pro Quadratmeter etwa 341.000 €. Rechnet man – wie in unserem Vergleich – mit 36.000 € Jahreseinkommen, entspricht das rund 9,5 Jahresverdiensten.

Damit müsste ein Arbeitnehmer heute rechnerisch etwa 5,6 Jahresgehälter mehr für das Haus aufbringen als 1960. Das Verhältnis von Hauspreis zu Einkommen ist damit ungefähr 144 % höher.

Und dabei sind Grundstück, Zinsen, Kaufnebenkosten und laufende Instandhaltung noch gar nicht berücksichtigt.

Auch die Baukosten selbst sind stark gestiegen: Der amtliche Baukostenindex wird von Destatis bis 2026 zurückgerechnet und zeigt die langfristige Entwicklung seit den 1950er-Jahren.

Der entscheidende Punkt: Nicht alles ist heute teurer, wenn man die Preise mit dem Einkommen vergleicht. Lebensmittel sind teilweise sogar erschwinglicher geworden. Beim Wohnen sieht es dagegen völlig anders aus.

1960: knapp 4 Jahresverdienste.
2026: rund 9,5 Jahresverdienste.

Das erklärt, warum sich für viele Menschen trotz höherer Löhne der Traum vom eigenen Haus heute weiter entfernt anfühlt als für die Generation ihrer Eltern oder Großeltern.







1960 bis 2026 – Wenn das Leben immer mehr kostet


Warum haben immer mehr Menschen das Gefühl, trotz Arbeit nicht mehr voranzukommen?

Schaut man nicht nur auf den Lohn, sondern auf das, was davon jeden Monat wieder verschwindet, wird die Entwicklung verständlicher.

1960 war Deutschland noch weit davon entfernt, reich zu sein. Aber für viele Arbeitnehmer war der Weg zu einem eigenen Haus, einem Auto und einem wachsenden Lebensstandard noch vorstellbar.

Heute verdienen wir nominal wesentlich mehr. Doch gleichzeitig sind bestimmte Kosten explodiert – vor allem dort, wo man nicht einfach verzichten kann.

Die Entwicklung in Zahlen

1960

- Jahresverdienst: ca. 6.100 DM
- 120-m²-Haus, reine Baukosten: ca. 23.640 DM
- Verhältnis Haus zu Einkommen: ca. 3,9 Jahresverdienste
- Lebensmittel: im Verhältnis zum Einkommen teuer
- Wohnen: deutlich geringere finanzielle Belastung als heute

1970

- Die Einkommen steigen weiter.
- Deutschland erlebt weiterhin einen starken wirtschaftlichen Aufstieg.
- Eigentum wird für breite Bevölkerungsschichten zunehmend erreichbar.

1980

- Die Preise steigen, aber auch die Löhne wachsen kräftig.
- Ein eigenes Haus bleibt für viele Arbeitnehmer grundsätzlich erreichbar.

1990

- Deutschland wird wiedervereinigt.
- Gleichzeitig beginnt langfristig eine neue Entwicklung auf dem Immobilienmarkt.
- Die Unterschiede zwischen Regionen werden größer.

2000

- Die Einkommen steigen weiter, aber Wohneigentum wird zunehmend zu einer Frage des Standorts und des vorhandenen Eigenkapitals.
- Gleichzeitig beginnt eine lange Phase relativ niedriger Zinsen.

2010

- Der Immobilienboom nimmt Fahrt auf.
- In vielen Städten steigen Grundstücks- und Immobilienpreise deutlich schneller als die Einkommen.

2020

- Wohneigentum ist bereits erheblich schwerer erreichbar als früher.
- Dann folgen Pandemie, Energiekrise und eine starke Inflation.

2022–2024

- Energie, Lebensmittel und Dienstleistungen verteuern sich deutlich.
- Gleichzeitig steigen die Zinsen.
- Damit wird nicht nur das Haus teurer – auch die Finanzierung wird teurer.

2025

- Die Preise für Wohnimmobilien steigen wieder. Im Jahresdurchschnitt lagen sie 3,2 % über dem Vorjahr.
- Von 2010 bis 2025 sind die deutschen Immobilienpreise laut Destatis insgesamt um rund 82 % gestiegen.

2026

- Die Rechnung für viele Haushalte lautet inzwischen: Miete oder Finanzierung + Energie + Auto + Versicherungen + Lebensmittel + sonstige Fixkosten.
- Was vom Einkommen übrig bleibt, wird dadurch entscheidender als die reine Höhe des Gehalts.

Und genau hier beginnt das Problem

Wenn man 1960 und 2026 nebeneinanderstellt, sieht man einen entscheidenden Wandel:

1960:
Der Lohn war niedriger – aber große Ziele wie Auto, Haus und Vermögensaufbau waren für einen normalen Arbeitnehmer eher erreichbar.

2026:
Der Lohn ist höher – aber die großen monatlichen Verpflichtungen sind ebenfalls gewachsen. Besonders Wohnen und Mobilität können einen erheblichen Teil des Einkommens verschlingen.

Das bedeutet nicht, dass heute alles schlechter ist. Im Gegenteil: Viele Lebensmittel und zahlreiche Konsumgüter sind gemessen am Einkommen günstiger geworden. Der Verbraucherpreisindex von Destatis zeigt deshalb auch keine einfache Geschichte von „alles wird immer teurer“.

Das Problem sind vor allem die unvermeidbaren Kosten.

Denn ein Mensch kann weniger Fleisch kaufen. Er kann beim Urlaub sparen. Er kann ein günstigeres Handy kaufen.

Aber er kann nicht einfach sagen:

„Diesen Monat zahle ich keine Miete.“

Und genau deshalb kann aus steigenden Fixkosten soziale Unsicherheit entstehen.

Wer trotz Vollzeitarbeit keine Wohnung mehr bezahlen, kein Eigenheim aufbauen und kaum noch Rücklagen bilden kann, entwickelt irgendwann das Gefühl:

„Ich mache alles richtig – und trotzdem komme ich nicht mehr voran.“

Das ist der Nährboden für Frustration.

Und Frustration ist politisch gefährlich.

Denn wenn Menschen das Vertrauen verlieren, dass ihre Arbeit ihnen noch einen besseren Lebensstandard ermöglicht, suchen sie nach Verantwortlichen – und nach Parteien, die versprechen, mit dem bisherigen System zu brechen.

Das erklärt nicht jeden AfD-Wähler. Aber es erklärt einen Teil der Wut, die heute sichtbar wird.

Die entscheidende Frage für die Politik lautet deshalb nicht nur:

„Wie hoch ist der Lohn?“

Sondern:

„Was kann sich ein Mensch von seinem Lohn tatsächlich noch aufbauen?“

Denn Wohlstand bedeutet nicht, auf dem Papier mehr Geld zu verdienen.

Wohlstand bedeutet, nach dem Bezahlen des Lebens noch eine Zukunft zu haben.

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